Selbstbestimmung

Das Selbstbestimmung


In aller Munde ist sie, die Selbstbestimmung. Seit Generationen und Äonen. In Partnerschaften, in Gesellschaften und ganzer Völker. Menschen kämpften für sie, riskierten ihr Leben dafür, sie zu erlangen. Gerade in unserer Zeit sind Menschen auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Lebensweise; sie wollen sich selbstverwirklichen und selbst versorgen. Ein nie erlöschendes Feuer des persönlichen und kollektiven Freiheitswillens gegenüber den Herrschenden.

Aber was oder wer ist das „Selbst“, das sich da bestimmen möchte? Zutiefst philosophische und spirituelle Gedanken liegen diesem Begriff zugrunde. Um sich selbst bestimmen zu können, müssen wir zuerst einmal wissen, wer wir sind. „Ich will mich selbstbestimmen.“ Diese Aussage ließe sich als eine radikal egoistische Einstellung verstehen, die auf den eigenen Vorteil und Nutzen bedacht ist. Im Grunde ist es so. Im Grunde müsste das jedes Individuum tun: Für sich selbst sorgen, für sich und seine Selbstverwirklichung Verantwortung übernehmen. Aber wir leben nicht alleine. Was geschieht, wenn sich selbstbestimmende Wesen begegnen? Wo sind die Grenzen? Wie erlangen wir dann eine Ausgewogenheit, eine Harmonie zwischen den Individuen? Ist Selbstbestimmung einzig und allein kompromisslos oder kann sie Konsens mit anderen finden?

Selbstbestimmung. Anstatt Fremdbestimmung. Wir selbst wollen entscheiden, was gut und richtig, stimmig und gesund für uns ist. Wir lassen uns nicht von wirtschaftlichen und emotionalen Abhängigkeiten manipulieren und dirigieren, sondern bleiben unserem Selbst treu, sind uns in erster Linie selbst genug, weil wir die Verantwortung übernommen haben, uns mit dem, was wir brauchen, selbst zu versorgen. Geht das überhaupt? Als kollektives Wesen befinden wir uns in unzähligen Abhängigkeiten. Es sei denn, wir sind Supergirl oder Supermann und können alles alleine. Und selbst dann sind wir abhängig. Nämlich von der Natur, von den Bedingungen innerhalb eines Lebensraums. Gar nicht so leicht zu sagen, wie sich Selbstbestimmung fair, friedlich und kooperativ leben lässt. Gerade in Gemeinschaften vertragen sich manche Lebenskonzepte nicht miteinander. Darf so etwas sein oder nicht? Kann dann trotzdem eine gesunde Chemie innerhalb des Lebenskreises herrschen?

Aber wer ist dieses Selbst? Unser Überlebenstrieb? Unsere Strategien und Muster, mit denen wir unsere Bedürfnisse befriedigen, biologische, wirtschaftliche und emotionale Mängel ausgleichen? Ist das, was wir wollen, tatsächlich unser ureigenstes Bedürfnis? Und falls wir unsicher sind: Woran und wie können wir die „Wahrheit“ unseres Bedürfnisses erkennen? Müssen bestimmte Bedingungen vorherrschen, damit wir uns überhaupt selbstbestimmen können? Oder gibt es gar Bedingungen, die einen gesunden Nährboden bereithalten, damit sich Menschen selbstverwirklichen können, weil durch die gesamte Struktur wesentliche Grundbedürfnisse befriedigt sind? Was geschieht, wenn ein Mensch den Mangel nicht mehr erträgt, der sich aus ungestillten Bedürfnissen entwickelt? Wonach strebt er, wenn er satt und reich ist und geliebt wird? Was geschieht, wenn er mit allem versorgt ist, was er zu brauchen meint? Entfaltet sich dann automatisch das schöpferische Wesen, das uns innezuwohnen scheint?

In dem Wort „Selbstbestimmung“ stecken mehrere Begriffe, die ein bisschen aufschlüsseln, wer dieses mysteriöse Selbst sein könnte und worum es ihm geht.

Bestimmen – Es, das Selbst, will etwas bestimmen und festlegen, entscheiden, wie etwas zu sein hat. Es will die Macht haben, frei nach eigenen Wünschen und Ideen sein Leben und Dasein zu gestalten, ohne dass ihm Hindernisse im Weg stehen. Frei sein, um zu tun, was man möchte, ohne eine Erlaubnis einholen zu müssen.

Bestimmt für etwas – Es hat eine grundsätzliche, von Natur aus vorgegebene Bestimmung, die es erfüllen will und muss, um das zu verwirklichen, was es innerhalb des Gesamtgefüges zu tun hat.

Stimme – Ihm wohnt eine Stimme inne, die innere Stimme, die ihm den Weg zu weisen vermag, weil sie stets weiß, was zur positiven Entwicklung und Entfaltung schöpferischer Potentiale des Individuums beiträgt und zuträglich ist. Ist es die Stimme des Gewissens, der Seele, eines höheren, größeren Bewusstseins?

Stimmung – Jedes Individuum hat seinen Klang, seine Grundstimmung. Die will in dieser Welt schwingen, ihre Kraft und Potentiale einbringen.

Das Selbst – Ist es das Ich und alles, was dazu gehört? Alles das, was mich ausmacht, das bin ich selbst, nicht ein anderer. Natürlich will jedes Ich seine Bedürfnisse befriedigt sehen. Es hat seine Vorlieben und Abneigungen. Und niemand soll es zwingen, etwas zu tun, was es nicht mag. Selbst bestimmen will es, wie und wo es lebt. Ganz egozentrisch ausgerichtet ist es. Wenn es da nicht die Anderen gäbe. Auf die muss man Rücksicht nehmen. Mit denen heißt es, Kompromisse zu schließen. Und es gibt Gesetze, die genau formulieren, welches Verhalten nicht akzeptiert ist. Also doch keine unbegrenzte Freiheit des Einzelnen. Das Selbst braucht Spielregeln, damit es in Gesellschaft leben kann. Wird es sonst zu einem rücksichtslosen, skrupellosen Egoisten? Oder liegt es womöglich in unserer Natur, dass wir sozial, kooperativ und solidarisch sind, wenn unsere materiellen und emotionalen Bedürfnisse keinen Mangel leiden?

Andere sehen im Selbst das uns innewohnende Wesen. Das höhere Selbst, das höhere Wesen in uns, das jenseits des Existentiellen und Alltäglichen ewig zu sein scheint. Eine Instanz auf einer imaginären Metaebene, die stets anwesend ist. Die Seele, die uns innewohnt. Wir spüren sie. Aber sie ist nicht beweisbar. Genauso wenig ist die Bestimmung eines Wesens zu erforschen. Die Bestimmung ergibt sich im Grunde aus den Fähigkeiten, Talenten und Potentialen eines Wesens. Sie beschreiben, worauf ein Wesen spezialisiert ist und worauf im Gesamtgefüge ausgerichtet. Wenn wir diese Potentiale in uns entdecken, uns ihrer bewusst werden, können wir sie auch verwirklichen.

Das Selbst kann sich seiner selbst bewusst werden. Selbstbewusstsein erlangen. Bewusst das sein und leben, was uns vom Wesen her ausmacht. Manch einer fühlt sich durch sein höheres Selbst zu zweifelhaften Dingen berufen. Fühlt sich ermächtigt, die Mittel zu heiligen, mit denen ein Zweck erreicht werden will. Manchmal kann auch das richtig sein. Meistens führt diese Überzeugung jedoch zu Dramen und Unheil.

Jeder und jede sollte sich immer wieder genau überlegen, wer mit dem Selbst gemeint ist. Tarnen wir mit ihm unsere geheimen, egoistischen Absichten oder begreifen wir das Selbst als Wesen, das unabhängig davon, aus einer tieferen Quelle gespeist, fühlen, denken und handeln will?

All diese Fragen stellen sich Menschen seit Jahrhunderten, gar Jahrtausenden. Wer ist dieses Selbst? Das herauszufinden, diesen fundamentalen Sinn unseres Daseins, das treibt den Menschen seit jeher an. Diese zentrale Frage macht ihn zum Abenteurer, zum Philosophen, zum Gläubigen, zum spirituell Suchenden. Es scheint unsre höchste Bestimmung zu sein, dieses Wesen, das uns innewohnt, zu erkennen, zu begreifen und schlussendlich in seiner ganzen Vollkommenheit zu leben. So wird der eine zum Revolutionär, der andere zum Bischof, der dritte zum Forscher.

Biologen würden darüber nur lachen und uns erzählen, wie umfangreich und intensiv Hormone unsere Gefühle und Gedanken beeinflussen, ja sogar produzieren. Alles nur Biochemie, Stoffwechselerscheinungen. Und dann sind da noch all die vielen Bakterienkulturen, die in uns leben. Mehr, als wir eigene Zellen haben. Sind wir am Ende nur ein riesiger Bakterienorganismus?

Vielleicht ist es besser, wenn wir gar nicht mehr von Selbstbestimmung sprechen. Sollten wir das Wort „Selbst“ durch den Begriff „Wesen“ ersetzen: Wesensverwirklichung, Wesensversorgung, Wesenserkenntnis, Wesensbewusstsein?

Viel Freude beim Erforschen!

 

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Ein Gedanke zu “Selbstbestimmung

  1. Interessantes Thema, das sicherlich niemals langweilig wird . . . es sei denn, ich glaube mein Selbst zu kennen, es gefunden zu haben und bin völlig abgenervt, dass die Mitmenschen ihres noch nicht erforscht und entdeckt haben – – – oder ich irre mich – – – oder mir wird ein anderes Selbst gespiegelt als das, welches ich gerne sehen möchte . . . oder . . . Oder sollte ich das Selbst einfach bestimmen ?!?! Selber bestimmen? Und wer ist dann das Ich, das das Selbst bestimmt?? 😉

    Danke Alander

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